Wenn Janus der zweite Vorname ist

Donald Trumps US Wahlsieg im Jahr 2016 geschah mit reichlich Getöse. Zu den lautesten Geräuschemachern gehörte das Portal Breitbart, dessen Chef Bannon mittlerweile einflussreicher Berater des amerikanischen Präsidenten geworden ist. Nicht jedem schmeckte der rechte Meinungsbrei von Breitbart. Allen voran entschied sich der Frühstücksflocken Hersteller Kellogg’s dazu, seine Werbung von der Breitbart Seite zu entfernen. Das brachte dem Unternehmen den Zorn der Breitbart Verantwortlichen ein, die ihrerseits zum Boykott von Kellogg’s aufriefen. Mittlerweile sollen es einige Hundert Unternehmen sein, die die eigene Werbung nicht auf der Breitbart Seite sehen wollen. Die Aktion schwappte natürlich auch nach Deutschland über, wo der Werbefachmann Gerald Hensel über seinen mittlerweile nicht mehr erreichbaren Blog Davaidavai zu einem ähnlichen Boykott aufrief und verschiedene in erster Linie rechte Blogs und Seiten nannte, die er gern vom Geldfluss durch Werbungabschneiden möchte. Die Werber sorgen sich also.

Zweierlei Maß
Offenbar messen die Werber und die Werbenden aber mit unterschiedlichen Maß. Denn an anderer Stelle stört es sie ganz und gar nicht, dass Werbebanner auf dubiosen oder eindeutig rechtsverletzenden Seiten erscheinen. Kaum ein illegales Filmportal auf denen einem Betrachter nicht nur Spielcasinos, Wettanbieter oder auch Browsergames deutscher Anbieter wie Innogames, Upjers, Gameforge, Goodgame Studios (allesamt Mitglieder des Verbandes BIU) entgegenlachen sondern auch Markenwerbung. Um politisch rechte Webseiten wird also ein Bogen gemacht, dubiose und rechtsverletzende Seiten sind hingegen kein Problem.

Wie man einen Verband entert und benutzt
Ganz besonders den deutschen Browsergames-Anbietern ist das Thema Werbung auf rechtsverletzenden und dubiosen Seiten durchaus schon lange bekannt. Nur wirklich etwas dagegen gemacht haben sie bis heute nicht. Als ein Großteil der deutschen Browsergame-Szene noch im GAME organisiert war, wurde das Thema dort kleingehalten. Die großen Browsergames-Jungs trugen den Etat des kleinen Verbandes, saßen im Vorstand und hatten kein Problem die ganze Sache irgendwie abzuwürgen. Die Karawane der Browsergames-Anbieter zog weiter zum Verband BIU und irgendwie war damit auch dort Schluss mit möglichen Vorgehen gegen die Finanzierung jener Portale, die bis heute Produkte der anderen BIU Mitglieder für lau zum Download anbieten.

Ihgitt: Glückspiel
Unter einem gewissen Tamtam wurde dann Anfang des Jahres die Nachricht des BIU bekannt, dass eine Tochter der Spielautomatenfirma Gauselmann nicht in den BIU aufgenommen wird. Die Nähe zum Glückspiel war einigen BIU Mitgliedern dann doch zu dicht. Man kann sicherlich trefflich darüber streiten, ob virtuelle Slot Machines wirklich etwas anderes als Free2Play (oder soll man besser sagen Pay2win?) Spiele sind. Zumal sich Internetglücksspiel an volljähriges Publikum richtet und weniger an Jugendliche und Kinder. In Bezug auf Werbung stehen die Glücksspiele den Onlinegames aber keineswegs nach.

Auch deren Werbung ist das Benzin im Motor der unregulierten Distribution von Werken besonders Filmen. Beide sind also Weggefährten, was das angeht. Warum also jetzt so eine Distanz?

Gärtner und Böcke
Die Geschichte wird aber noch besser. Ende 2016 gab es ein Stühlerücken im Vorstand bei der GVU, also der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen. Seitdem sitzt mit Tobias Haar der General Councel von Gameforge für den BIU im Vorstand der GVU. Natürlich betrifft das Thema Piraterie auch Unternehmen wie Gameforge.

Illegale Server für einige der Gameforge Spiele wurden im letzten Jahr durch die Hilfe der GVU abgestellt. Man fragt sich, wie Tobias Haar – wie gesagt Vorstand der GVU – es ansonsten hält mit der Bekämpfung von Piraterie, denn sein Unternehmen ist nach wie vor dabei, eindeutig illegale Portale und dubiose Seiten fleißig mit Werbung und somit Geld zu versorgen. Die Vorstandssitzungen bei der GVU (oder auch beim BIU) müssen bizarr sein, wenn neben den Opfern der Piraterie auch die Finanziers derselben sitzen, der einerseits dankend die Unterstützung der GVU annehmen das eigene Geschäftsmodell zu schützen aber im gleichen Atemzug wissentlich die Vorstandskollegen schädigen indem sie offenbar bedenkenlos Werbung auf solchen Portalen und Seiten schalten.

Abbildung: Gameforge Werbung bei Mediafire (links) neben dem 20th Century Fox Film Titanic (rechts). Aufgenommen am 17.02.2017

Der Filehoster Mediafire hat laut Google Transparenzbericht bisher über 260.000 Löschanfragen von knapp 2.000 Urheberrechtsinhabern aus dem Google Suchindex erhalten. Der Dienst ist also alles andere als ein seriöser Clouddienst. Laut Similarweb ist Mediafire aber einer der Top Publisher für Gameforge Werbung im Zeitraum November 2016 bis Januar 2017. Zum Vergleich, der seriöse Platzhirsch Dropbox hat seit Bestehen des Google Transparenzberichts 6.500 solcher Löschungsanfragen von etwa 300 Urheberrechtsinhabern erhalten. Das GVU Mitglied Capcom ließ allein 2.500 Mediafire-Links aus dem Suchindex löschen. Während also rechts Werke illegal angeboten werden, erscheint links Werbung, die solche „Services“ finanziert.

Wie steht es um die Ethik?
Dass Unternehmen aus dem Browsergamesbereich offenbar nicht gewillt sind solche Finanzierungen einzustellen, lässt weitreichende Schlüsse auf Geschäftsethik dieser Unternehmen zu. Der Druck, Klickvolk möglichst billig von illegalen oder dubiosen Plattformen zur eigenen Webseiten zu locken, muss immens sein. So groß, dass man dafür auch mal Vorstandsitzungen erträgt, wo die Geschädigten der eigenen Geschäftspolitik am gleichen Tisch sitzen.

Schauen wir uns daher einfach einmal den Traffic der Gameforge.com Seite an, wie sie uns der Analysedienst Similarweb darstellt, und zwar für den Zeitraum November 2016 – Januar 2017.

In The Hall Of Shame
Dort schauen wir uns jenen Traffic von Gameforge.com an, der laut Similarweb über sogenannte Displaywerbung kommt. Also Werbung, die Kunden von anderen Seiten auf die Gameforge Seite hievt. Und allein 5 Werbenetzwerke wickeln fast 90% dieses Display-Traffics ab. Es sind:

Adcash* 28%
Ad4Game 26%
Popmog 20%
Propellerads* 6%
Popads* 3%
Andere 17%

Mindestens 3* dieser Werbenetzwerke haben etwas gemeinsam: Sie tauchen auf illegalen Filmportalseiten massenhaft auf. Die Zeitung „die Welt“ hat sich im August 2016 ganz besonders Propellerads genauer angesehen, weil das Unternehmen die beiden flüchtigen Betreiber von Kinox.to mit Werbung und somit Geld versorgt. Aber auch Adcash hat es in sich. Adcash war in einer Studie des englischen Firma Incopro aus dem Jahre 2015 bereits unrühmlicher Spitzenreiter in Sachen Werbung auf illegalen Seiten. Die Studie betrachtete über 250 rechtsverletzende Seiten. Zahlreiche Portale beziehen einen Großteil der Banner von Adcash. Hier einige Zahlen, ebenfalls von Similarweb, über den Anteil von Adcash Werbung auf den jeweiligen Seiten:

Filmpalast.to 93%
Mov-World.net 89%
Promptfile 86%
Kinox.to 55%
Bigfile.to 47%

So verwundert es nicht, dass Otto Normalsauger bei Stöbern nach dem neuesten Kinofilm, mit Werbung deutscher Browsergamefirmen beseelt wird.

Niemand hat die Absicht eine Lösung zu finden, oder?
Dabei wäre die Lösung sehr einfach. Bereits jetzt gibt es technische Lösungen, die solche Banner auf dubiosen Seiten verhindern. Es gibt hinreichend Beispiele, wie man so etwas erreichen kann. Dazu muss zunächst allerdings die Bereitschaft der Werbenden vorhanden sein, nicht mehr auf schäbigen Seiten zu werben. Davon ist momentan im Bereich der deutschen Onlinegames- Anbieter nichts zu entdecken. Die Beteiligten zucken weiter mit den Schultern und verweisen auf die Kaskaden, die es im Bereich Online Werbung gibt. Dass das eine Schutzbehauptung ist, die aber seit Jahren gut funktioniert, weiß jeder, der sich mit Online-Werbung beschäftigt. Der Bereich der Marketingabteilungen, der die Auswertung der Ausgaben, des Return on Invest macht, ist der wichtigste überhaupt. Bei jedem ausgegebenen Euro will man schließlich genau wissen, ob er sich gelohnt hat. Online-Werbung lässt sich auf einen Klick genau nachvollziehen. Wer allerdings auf Verantwortungsdiffusion setzt, der kann weiterhin auf dem Klavier der Bigotterie wunderbar musizieren. Und solange das so ist, wird man Janusköpfe im Vorstand von BIU und GVU antreffen, dürfen sich Filmpiraten weiter über das Geld aus Karlsruhe, Hamburg, Berlin oder Bamberg freuen und Konsumenten Bannerwerbung deutscher Browsergame-Firmen genießen.

Volker Rieck
Volker Rieck ist Geschäftsführer des Content Protection Dienstleisters FDS File Defense Service. Er gilt als ausgewiesener Experte für Piraterie. FDS arbeitet an regelmäßigen Studien zu Piraterie Themen. Es unterstützt außerdem Strafverfolgungsbehörden durch seine Daten.

Der Artikel erschien zuerst in Blickpunkt Film 12/2017, S 44f.