„Die Google-Dämmerung“ oder „Wenn Anderen ein Licht aufgeht“

Unter den Eindrücken des jüngsten Anschlags in London im März 2016 nimmt plötzlich die Diskussion um die Verantwortlichkeiten von Werbenetzwerken im Internet drastisch zu.

Was war genau passiert?

Hassrede und extreme Propaganda sind selbstverständlich ein Teil unserer Realität und somit auch auf zahlreichen Seiten im Internet auffindbar. Das war auch Journalisten des Guardian aufgefallen. Allerdings wunderte sich der Guardian, warum es Webseiten und Youtube Kanäle gibt, die trotz eindeutig radikaler, rassistischer, antisemitischer und extremistischer Inhalte fleißig mit Werbung durch den Giganten Google bespielt werden, Google also den Betreibern/Verfassern zu Geld verhilft. Der Guardian zog für sich die Konsequenz und stellte die Zusammenarbeit mit Google in Sachen Werbung ein, weil man offenbar verhindern wollte, dass Guardian Werbung auf solchen dubiosen Seiten oder Kanälen erscheint. Man war sich beim Guardian durchaus bewusst, dass das auch negative Auswirkungen auf die Besucherströme der eigenen Webseite haben kann und wird.

Auf diese erste eher kleine Notiz folgten allerdings weitere Marktteilnehmer und Werbende, die es dem Guardian nachtaten. Havas, ein französisches Marketingunternehmen, welches allein £ 175 Millionen im Jahr an Werbegeldern von Kunden aus dem Vereinigten Königreich verwaltet, ging den gleichen Schritt.

Es folgten fast zeitgleich mehrere britische Banken, die BBC und sogar die britische Regierung. Der Google Europachef Matt Brittin bemühte sich zwar eilig mit Zahlen zu belegen, wie viele Seiten und Publisher man bereits selber wegen Verstöße gegen die Google Richtlinien gebannt hat, es nützte aber wenig.
Der Guardian brauchte gerade einmal 15 Minuten um einen Youtube Kanal zu finden, der von einem ägyptischen Hassprediger betrieben wird, der sowohl in UK als auch den USA Einreiseverbot hat. Wohlgemerkt, dieser Mann oder sein Umfeld wird mit Geld aus Mountain View gefördert weil sein Kanal mit Werbung bespielt wird. Experten gehen laut Guardian davon aus, dass der Mann mindestens £ 250.000 an Ausschüttung erhalten hat. Terror und Hassrede als Geschäftsmodell. Laut Brittin wären das aber „…eher Pennis als Pfund.“ Alles eine Frage der Relation also und von den Google Milliardenumsätzen aus sind die geschätzten £ 150.000, die Google mit dem Hassprediger verdient hat, wirklich wenig.
Und vielleicht sind auch die Werbegelder der Unternehmen, die jetzt nicht mehr mit Google werben, nur Pennies in den Augen von Google.

Wie immer nimmt Google das Thema aber sehr ernst und versprach Besserung. Allerdings konnte oder wollte Brittin auch auf dreimalige Nachfrage während der Advertsing Week Europe in London im März 2016 nicht kommentieren ob der Konzern nun selber nach fraglichen Inhalten sucht oder einfach die Qualitätssicherung an die Betrachter besagter Webseiten outsourct.
Seine Wortwahl „Community“ lässt erwarten, dass es die Konsumenten richten sollen. Im Zweifel hätte die Community einfach versagt, wenn nach wie vor Google Werbung auf extremistischen Seiten zu finden ist.
Dieses Community-Prinzip wendet Google bereits bei Youtube konsequent an. Erst wenn es massiv Beschwerden seitens der Konsumenten gibt, wird sich bewegt. Warum sich selber kümmern, wenn das doch auch die Konsumenten erledigen können? Ob die Community in Form der Zielgruppe eines Hasspredigers so eine Seite oder einen Youtube Kanal tatsächlich an Google meldet, darf allerdings bezweifelt werden.

Mittlerweile schwappt die Welle auch in die USA, wo sich gerade u.a. AT&T, Verizon, PepsiCo, GM und Walmart Sorgen um den Ruf der eigenen Marken machen und ihre Werbebudgets zukünftig ohne Google vergeben wollen.

Ob Google selber Sorgen um seine eigene Marke hat? Wohl eher nicht, denn nachweislich schaltete das Unternehmen auf dem Youtube Kanal von Hisbollah Werbung für das Produkt Google Home. Hat ein schlauer Algorithmus einfach nur angeschlagen als es um die Zielgruppe für Google Home Produkte ging? Offenbar. Jeder nur einigermaßen klar denkende Mensch hätte so einen Kanal ausgeschlossen aus jeglicher Monetarisierung.

Wie man dann mit so einem fahrlässigen Verhalten die eigene Marke betreffend seine aufgebrachten Marken-Kunden beruhigen will, ist Googles Geheimnis. Die Geschichte bekommt neben dem Markenaspekt nun auch noch eine politische Note. Nach Maßgabe des US Finanzministeriums wurden etliche Terrororganisationen nach dem 11. September mit einem Boykott belegt. Der betrifft selbstverständlich auch Zahlungen, somit auch Zahlungen über Werbeeinnahmen.
Sofern Google also tatsächlich Gelder an solche boykottierten Organisationen oder denen nachstehende Personen bezahlt hat, droht hier neuer Ungemach durch die US Behörden.

Die Problematik selber ist allerdings nicht neu. Dass Google Seiten unterstützt, deren Geschäftsmodell die Verletzung von Urheberrechten ist, diese Erkenntnis ist mehrere Jahre alt.
Vielleicht hätten Vertreter der MPA bzw. GVU die Seite Kino.to seinerzeit deutlich früher schließen können, wenn man dem Geld tatsächlich hätte folgen können. Der Follow-The-Money-Ansatz, den Google übrigens immer wieder als wirksame Maßnahme gegen Piraterie ins Spiel bringt, verpufft allerdings, wenn sich der Werbevermarkter Google weigert die Daten desjenigen herauszugeben, mit dem er eine aktive Geschäftsbeziehung hat. So geschehen bei Kino.to.
Dabei hätte Google Dank seines 2 Wege Identifizierungs-Verfahrens sowohl eine zustellfähige Anschrift als auch eine Bankverbindung von jedem Seitenbetreiber, der am Google-Werbenetzwerk teilnimmt.

Dass Google hier immer mit der großen Zahl von Werbepartner Webseiten agiert, nach dem Motto, die können wir alle gar nicht kontrollieren, ist Teil seiner Strategie. Die Kollegen von Facebook lernen in Europa gerade kennen, wie Regierungen über so ein Argument denken.
Die Größe darf niemals das Argument sein. Man stelle sich einen Autohersteller vor, der allen Ernstes bekräftigt, dass er leider bei 10 Millionen produzierten PKW im Jahr nicht bei jedem kontrollieren kann ob die Bremsen wirklich funktionieren und die Bordelektronik korrekt arbeitet.

Nur weil Menschen oder Unternehmen Maschinen, in diesem Fall Algorithmen, benutzen, kann die Verantwortung nicht an diese Maschinen delegiert werden. Genau das aber machen Unternehmen wie Google und Facebook momentan. Wer ein Geschäft betreibt, das er nicht mehr beherrscht, der hat nur zwei Möglichkeiten:
Es beenden oder es beherrschbar machen.

Ein guter Zeitpunkt also über Verantwortung im öffentlichen Raum Internet nachzudenken, denn es passieren gerade gesellschaftliche Kollateralschäden, an denen allerdings Unternehmen wie Google oder auch Facebook aktuell prächtig verdienen. Und vielleicht braucht es dieses Mal auch nicht 500 Millionen Dollar, die Google seinerzeit dem US Justizministerium zahlte, damit ein Verfahren wegen Google US Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente durch kanadische Pharmaziehändler, eingestellt wurde.
Es wäre wünschenswert, wenn der Entzug der Werbung, die damit verbundenen Mindereinnahmen und die Diskussion um das Thema Google zu einem Umdenken bewegen könnten.

Volker Rieck

Volker Rieck ist Geschäftsführer des Content Protection Dienstleisters FDS File Defense Service. Er gilt als ausgewiesener Experte für Piraterie. FDS arbeitet an regelmäßigen Studien zu Piraterie Themen. Es unterstützt außerdem Strafverfolgungsbehörden durch seine Daten.